Der NRW- Sonderweg in der Schwarzwildpolitik

Bewirtschaftung statt Reduktion

In der Schwarzwildbejagung geht das Land NRW einen Sonderweg (RWJ 9/2016). Es erlaubt sich als einziges Bundesland eine halbjährige Schonzeit auf Schwarzwild außer Frischlingen. Vom 1. Februar bis 31. Juli des Jahres darf in dem Bundesland kein Überläufer, keine Bache und kein Keiler erlegt werden! Zwischen Ems und Sieg sollen lange Schonzeiten, Hegemaßnahmen und strenge Bewirtschaftungsziele helfen, die Wildschweinbestände zu reduzieren... 

 

In NRW glaubt man, dass die im Vergleich mit anderen Bundesländern (M-V!) geringere Schwarzwilddichte in eben dieser Schonzeit begndet ist (in Bayern und Baden-Württemberg gibt es im Vergleich übrigens ähnlich "geringe" Dichten). Die Schonzeit verhindere, dass (versehnetlich) führende (Überläufer-) Bachen geschossen werden, die "vagabundierende" und "immense Schäden" anrichtende, führungslose Frischlinge hinterlassen. Die Sozialstruktur innerhalb der Schwarzwildpopulation sei entscheidend für Dichte und Wildschadensituation. Wichtigste Regulative seien natürlich die Leitbache und der alte Keiler! Weiß NRW da etwa mehr als andere Bundesländer?

 

Wissenschaftlich ist die NRW-Lehre nicht begründet: fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse über die Auswirkungen diverser Sozialgefüge in den ohnehin sehr unterschiedlich zusammen gesetzten Rotten gibt es nicht. Das "Leitbachen-" und "Sozialgefüge-Paradigma" entstammt alten "Schwarzwild-Klassikern", deren damaliges Ziel es war, Schwarzwild zu bewirtschaften, d.h. möglichst "produktive" Bestände (viel Strecke/ Wildbret) und viele alte Keiler (Trophäen) zu „erzeugen“. Meynhardt und Kollegen hatten aufgrund von Gatterbeobachtungen erkannt, dass diese Bewirtschaftungsziele am ehesten mit "strukturgerechten" Beständen zu realisieren sind (Vgl. Völk 2015). Briedermann (1988) etwa schreibt zum „Bewirtschaftungsziel von Schwarzwild“: „…Des Weiteren muss die Population eine Struktur nach Geschlechtern und Altersklassen aufweisen, die den artspezifischen Sozialbedürfnissen entspricht und gleichzeitig den jagdwirtschaftlichen Ansprüchen an Wildbret- und Trophäenerzeugung nachkommt.“  

 

Gerne wurde (und wird in NRW immer noch..) über die Dichte regulierenden Fähigkeiten der Führungsbachen gemutmaßt (Vgl. Henning 2001 sowie zahllose Artikel in der Jagdpresse…). Doch für die Behauptungen, die Leitbachen würden die Rausche der übrigen geschlechtsreifen weiblichen Rottenmitglieder synchronisieren bzw. seien gar in der Lage, die Rausche der Frischlingsbachen zu unterdrücken, gibt es keine Belege (Vgl. Hohmann 2009; Hahn 2015). Außerdem: sollten die Bachen außerhalb von Gattern tatsächlich in der Lage sein, für einheitliche Rausche und Wurftermine an wenigen Tagen zu sorgen, wäre das hilfreich für eine satte Reproduktion. Denn zeitgleich im März, April geborene Frischlinge haben bessere Überlebensaussichten als die kleinen Nachzügler.     

 

Neben ausgedehnten Schonzeiten will man in NRW der Wildschadenproblematik weiterhin mit "Hegemaßnahmen" entgegen treten: so werden nach wie vor "attraktive Wildäcker, ... Ablenkungsfütterungen ... und gut gepflegte Grünäsungsflächen mit einem hohen Kleeanteil" empfohlen! Denn: "Wichtig für Wildschweine ist ein ausreichendes Angebot an Fraß und Deckung." Und wo es an Deckung im Feldrevier mangelt, solle man den Sauen deckungsreiche Feldgehölze anlegen... (LWuH 2009).

 

 

Hege und Bewirtschaftung obsolet

 

Heute ist die Idee der Hege und Bewirtschaftung von Schwarzwild obsolet. Wildarten, die von Änderungen der Standortfaktoren dermaßen profitieren wie das Schwarzwild (r-Stratege, s.u.) dürfen nicht zusätzlich gehegt werden! Anstatt höheren Zuwachs zu erzielen und möglichst viele "grobe" Keiler heranzuhegen, muss die Regulation bzw. Reduktion der Schwarzwildbestände jetzt Ziel jagdlichen Handelns sein! Und trotzdem werden den Jäger/innen in NRW weiterhin Maßnahmen zur Regulierung angeraten bzw. aufgezwungen (Jagdzeiten), die aus Zeiten der Wildbewirtschaftung kommen und sich bislang nicht als geeignete Methode zur Reduktion erwiesen hat. Denn dass man Schwarzwildbestände reduzieren könnte, indem man den Jäger/innen vor Ort

  • nicht notwendige bzw. umsetzbare Selektionsvorgaben (z.B. Leitbachen nur am Ende der Jagdzeit bei ausreichendem Licht vom Ansitz aus zu selektieren) und
  • umfangreiche Bejagungshemnisse (Schonzeiten, eingeschränkte Freigabe, z.B. durch Gewichtsbegrenzung)

auferlegt, ist naiv.

 

Und die Vertreter der Bewirtschaftungsidee negieren dabei Erkenntnisse aus Ökologie und Jagdpraxis.

Gewichtsbeschränkungen auf Bewegungsjagden sind Bejagungshemnisse und damit kontraproduktiv. Denn wer reduzieren will, muss großzügig freigeben und Strecke machen.

Außerdem: wann, wenn nicht zur "Drückjagdsaison" im November - Dezember sollten Bachen geschossen werden? (Vgl. Völk 2015)

 

r-Strategie

 

Das Schwarzwild ist ein "r-Stratege": diese Arten versuchen, durch sehr hohe Reproduktionsraten temporär nicht begrenzte Ressourcen auszunutzen.  

Das Schwarzwild profitiert derzeit von nahezu unbegrenzten Ressourcen - und reagiert mit steigender Reproduktion. Ganzjährig reichlich Nahrung (Mais, Kirrung, Eichelmasten etc.) bei fehlenden strengen Wintern (Nadelöhr) sind die Hauptgründe dafür, dass das Schwarzwild "sich vermehren will". Um dies zu erreichen, beteiligen sich eben auch Überläuferbachen und viele Frischlingsbachen an der Reproduktion. Mast und Wärme sind also primäre Ursache für die hohen Bestände und nicht eine "fehlende Sozialstruktur". Übrigens: die Leitbachen als "Kopf" der Familien und ausgesprochene r-Strategen müssten in optimalen Zeiten wie diesen am ehesten daran interessiert sein, dass sich der Bestand kräftig vermehrt. Besonders, weil die Mitglieder "ihrer" Rotte mehrheitlich mit ihr verwandt sein dürften. An einer "Drosselung" der Vermehrung der eigenen Sippe dürfte also keine Leitbache Interesse haben.

 

Zeitgemäße Bejagung statt Bewirtschaftung

 

Die Reduktion der Schwarzwilddichte funktioniert nur über eine Erhöhung der Gesamtstrecke und der Erlegung ausreichend vieler Bachen. Um die Strecke zu erhöhen, muss effektiver gejagt werden. Jede sich bietende Gelegenheit muss genutzt werden, um in den Bestand einzugreifen. Dabei gibt es nur eine Hauptregel: Bachen mit noch abhängigen Frischlingen (gestreifte) sind zu schonen! Und dass „von klein nach groß“ geschossen wird, ist eigentlich Ehrenkodex der Jäger/innen (Weidgerechtigkeit!). Einzeln ziehende Stücke, die nicht sicher angesprochen werden können, sind von März bis Juni zu schonen, weil in dieser Zeit die Gefahr am größten ist, dass es sich um eine einzeln ziehende Bache handelt, die noch junge Frischlinge im Kessel hat.

 

Beherzen die Jäger diese sehr einfachen Spielregeln, werden die Ziele automatisch erreicht:

  • der Eingriff in die Bestände wird stärker (jede Gelegenheit nutzen anstatt zu verpassen, weil man zu lange über die Selektionsvorgaben nachgedacht hat...)
  • der Anteil der Frischlinge beträgt automatisch mindestens 70% (immer erst auf die Kleinen!)

 

In Problemregionen mit besonders hohen Dichten (Seuchengefahr) und/ oder hohem Wildschadenpotential wird man künftig ggf. effektivere Maßnahmen ergreifen bzw. Methoden anwenden müssen, um die Bestände zu reduzieren, wenn die herkömmlich ausgeübten Jagdmethoden nicht ausreichend sind.

 

In Bayern hat ein mehrjähriges Forschungsprojekt, auf Initiative des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) und in Zusammenarbeit von Jägern und Landwirten, „innovative, regionale Konzepte“ zur Lösung der Schwarzwildproblematik erarbeitet (Hahn 2014). Hier werden folgende „Alternativen zum bisherigen Schwarzwildmanagement“ genannt:

  • Intensivierung der Bewegungsjagd
  • Schnelle Einsatzgruppen (zeitnah, effektiv, revierübergreifend)
  • Einsatz von Saufängen
  • Einsatz von Nachtzielgeräten
  • Anreizsysteme (Abschussprämien, Senkung der Trichinenuntersuchungsgebühr, finanzielle Förderung des Hundeeinsatzes)
  • Monitoring und Kontrollmechanismen

 

Jagdzeiten der Bundesländer

 

Die Übersicht (s. Tabelle) auf die diversen Jagdzeiten der anderen Bundesländer zeigt im wesentlichen zwei verschiedene Strategien:

  • komplette Freigabe aller Stücke (nur führende Bachen sind nach §22 (4) BJagdG geschont); Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt)
  • Frischlinge und Überläufer ganzjährig frei; Bachen (und Keiler) mit Schonzeit meist von Februar bis 15. Juni (Bayern, Hessen, Niedersachsen...

 

Nur zwei Länder weichen von diesen Strategien ab:

Baden-Württemberg hat mit dem "Jagd- und Wildtiermanagementgesetz" von 2014 als einziges Bundesland eine einheitliche Schonzeit für alles Schwarzwild in den "Wurfmonaten" März und April, bei einer 10-monatigen Jagdzeit.

 

Einzig Nordrhein-Westfalen setzt bei der Lösung der Schwarzwildproblematik auf Schonung: nur hier

gibt es eine halbjährige Schonzeit aller Überläufer, Bachen und Keiler. Nur Frischlinge (in NRW bis zum Alter von 12 Monatren; kein "Geburtstag" am 1. April) sind ganzjährig frei. Mit der Schonung der älteren Stücke soll erreicht werden, dass der Frischlingsanteil mindestens 70% der Strecke beträgt...

 

Tabelle: Jagd- (grün) und Schonzeiten (weiß) der Bundesländer

 

 

Feb

Mrz

Apr

Mai

Jun

Jul

Aug

Sep

Okt

Nov

Dez

Jan

B-W

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Bay

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Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ber

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

B führend

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

BB

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Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

HB

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Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

HH

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Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hes

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Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

M-V

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nied

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

R-P

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Saar

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sach

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

S-A

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

S-H

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Thü

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

NRW

Frischlinge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Überläufer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bachen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Keiler

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fazit - Viele Fragen

 

Man fragt sich: Warum hält das Land NRW an Bewirtschaftungsidealen der 1960-er und 70-er Jahre fest, anstatt (wie z.B. Bayern) nach innovativen Lösungen zu suchen? Und: welche Jäger sind eigentlich ehrlich interessiert an einer Reduktion des Schwarzwilds? Sind das nicht nur ganz wenige, namentlich die wenigen Jagdpächter (aus der Mittelschicht) mit den ärgsten "Wildschadenrevieren"? Anstatt die Jäger in den Revieren zu gängeln und Bange zu machen: warum schreibt man nicht über die "Jagdpraxis" jener Industrieller, die ihre Reviere zu Wildschwein- Bewirtschaftungsbetrieben umfunktioniert haben (mit angestellten, fütternden Berufsjägern!) und die Solidarität unter Jägern mit Füßen treten. Um einmal im Jahr mit den werten Geschäftspartnern zur Partyjagd zu schreiten (Bspl. aus dem November 2015: Strecke einer dreistündigen "Jagd" in einem 300ha Waldrevier - 120 Sauen! Geht man davon aus, dass höchstens jede dritte vorkommene Sau erlegt wurde (kein Gatterrevier) befanden sich am Tag der "Jagd" mindestens 360 Sauen im 300ha- Revier...). Wo sind hier Weidgerechtigkeit, Tierschutz und Jagdbehörde? Diese Reviere sind, neben den verständlicherweise verunsicherten Jäger/innen auf Drückjagden, Ursache für die Schwarzwildproblematik - und nicht "fehlende Sozialstrukturen" in den Rotten.  

 

 

Quellen

 

Briedermann, L. (1988): Schwarzwild. In: Buch der Hege. Teil 1: Haarwild. Verlag Harri Deutsch. Thun/ Frankfurt Main

Hahn, N. (2014): Brennpunkt Schwarzwild. Projekt zur Entwicklung innovativer regionaler Konzepte. Abschlussbericht, Gomadingen August 2014

Henning, R. (2001): Schwarzwild. Biologie, Verhalten, Hege und Jagd. BLV München

Hohmann, U. (2009): Herausforderung Schwarzwild – Die Jagd am Scheideweg. In: ÖKOJAG 1/2009

LWuH (Landesbetrieb Wald und Holz NRW)(2009): Wildschweinbestände mit Zukunft. Broschüre. Münster

Völk, F. (2015): Bewegungsjagden auf Schwarzwild. Interessante Begründungen für kontraproduktive Spielregeln. In: ÖKOJAGD 1/2015

Nild Hahn (2014)
Abschlussbericht des Projekts zur Entwicklung innovativer regionaler Konzepte
brennpunkt_schwarzwild_abschlussbericht_[...]
PDF-Dokument [9.8 MB]

 

 

Leserbrief im Rheinisch-Westfälischen Jäger vom 1.10.2016

 

zum Artikel: "Zeitgemäße Schwarzwildbejagung - Warum der Sonderweg zwischen Rhein und Weser richtig ist" (RWJ 9/2016)

 

Das von Peter Markett beschriebene Konzept ist das Gegenteil von dem, was die Überschrift weismachen will: es ist absolut unzeitgemäß. Außerdem ist es anmaßend, den Überläufer-  Schonzeit- Sonderweg NRW's als einzig richtigen hinzustellen, obwohl alle anderen Bundesländer längere Jagdzeiten für Schwarzwild haben. Sind denn alle anderen doof, nur wir nicht? Fakt ist doch, dass

  • die Schwarzwildbestände flächendeckend gesenkt werden müssen und
  • die Jäger bestmögliche Rahmenbedingungen zur Verhinderung von Wildschäden bekommen müssen

Beides erreicht man nicht, indem man die Sauen nach am Schreibtisch festgelegten Quoten bejagt (70% Frischlinge? Vor kurzem wurden noch 80% gefordert...). Wir jagen doch nicht in einem Stall!Als Beispiel: Wenn sich in meinem Revier die Strecke auf die vorbildlichen 70% Frischlinge verteilt und mir am 31. März ein Überläufer kommt, dürfte ich ihn nicht schießen (da meine Frischlingsquote mit einem Schuss auf 60% sinken würde..). Die Quotierung ist also absolut praxisfern. Kein Pächter kann so etwas für seinen Jagdbetrieb gebrauchen.

 

Weiterhin ist die Überläufer- Schonzeit kontraproduktiv, weil sie ein großes Bejagungshemmnis ist. Viele Jäger, die noch keine langjährigen Erfahrungen mit der Saujagd haben, tun sich schwer bei dem Ansprechen junger Sauen. Viele halten eine 30kg- Sau generell für einen Überläufer. Oder sie haben Angst, dass es einer sein könnte und riskieren lieber keinen „Fehlabschuss“ mit anschließenden Sanktionen vor dem „Jagdgericht“. Diese Schonzeit begünstigt nur die Frischlingsquote (beim Ansitz immer dran denken: 70%!), aber verhindert zwangsläufig höhere Strecken, da weniger Frischlinge (und Überläufer) geschossen werden! Denn etliche Frischlinge werden nach den Vorgaben Marketts laufen gelassen, weil man sie vermeintlich für Überläufer hält. Eine Schonzeit auf Überläuferkeiler kann im übrigen auch nur derjenige fordern, der kein eigenes Wildschadenrevier hat, in dem er im Juni vor einer Überläuferkeiler-Rotte steht, die gerade immense Schäden im Getreide verursacht.

 

Um Saubestände abzusenken, muss mehr erlegt werden! Was nutzen uns  „intakte Sozialgefüge“ bei Rot- und Schwarzwild, wenn die Dichten so hoch sind, dass katastrophale Wildschäden geschehen und entsetzliche Seuchen drohen? In der Reduktionsphase von Schalenwild ist das gebetsmühlenartige Heraufbeschwören der Bedeutung bestimmter sozialer Gefüge Ablenkung vom Problem des eigentlichen Problems, der hohen Wilddichte. In dem Beitrag wird suggeriert, dass geringe Schwarzwilddichten, die keine „ausgeprägtes Sozialgefüge“ haben, besonders große Schäden machen. Auch diese Behauptung wird nicht wahrer, indem man sie andauernd wiederholt. Oder machen vier Sauen ohne „Sozialgefüge“ mehr Schaden als eine 30-köpfige Rotte mit alter Bache?

 

Ein Höhepunkt des Beitrags ist die Forderung, Bachen und Überläuferbachen quasi nur noch bei Licht vom Ansitz aus zu schießen. Ja in was für überfüllten Revieren jagen denn die Verfasser, wo so etwas möglich ist? Dann wird auch noch Angst geschürt, dass es „keinesfalls tierschutzgerecht“ sei, Bachen und Überläuferbachen bei Bewegungsjagden oder gar dem Ansitz bei Mond und Schnee freizugeben!! Die Freigabe einer Überläuferbache tierschutzwidrig!! Und im selben Artikel stellen die Autoren (zu Recht) fest, dass bis zu 80% der Frischlinge doch auch schon Nachwuchs bekommen. Aber diese sollen rund um das Jahr kräftig und bei jeder Gelegenheit bejagt werden. Na, klingelt's?? 

 

Alle in NRW aufgebauten Jagdhemnisse führen dazu, dass man zwar eine vorbildliche Abschussverteilung haben kann, z.B.: 5 erlegte Sauen verteilen sich auf 4 Frischlinge (80%!) und einen Überläufer. Prima! Allerdings hätten ohne die Hemmnisse doppelt so viele Sauen gestreckt werden können. Aber vielleicht wäre es ein Überläufer zu viel für die Quote gewesen...

 

Als Jagdpächter mit extremen Wildschadenpotential kann ich über die theoretischen Belehrungen des Beitrags nur den Kopf schütteln. Mit meiner Saujagdpraxis im Wildschadenrevier hat das nichts zu tun. Zielorientierter und praktikabler, ja pragmatischer sind (statt Schreibtisch-Theorien, die niemand umsetzt) einige wenige Grundsätze, die zu beachten sind:

 

  • es wird von klein nach groß geschossen (selbstverständlich)
  • erkennbar führende Stücke (Gesäuge bzw. gestreifte Frischlinge dabei) sind zu schonen

 

Diese Grundregeln sind einfach, tierschutzgerecht und werden von jedem Jäger verstanden. Mit diesen einfachen Regeln lassen sich Saubestände reduzieren. Es wird auch automatisch überwiegend in die Jugendklasse eingegriffen. Mit Bange machen und überflüssigen Jagdbeschränkungen kommen wir bei der praktischen Sauenbejagung jedenfalls nicht weiter.

 


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