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Kolumne vom 1.8.20

Der Entwurf des Bundesjagdgesetzes – Weder Fisch noch Fleisch

Mit großer Spannung war der Entwurf zur Änderung des Bundesjagdgesetzes vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erwartet worden. Bei manchen mit eher bangem Blick in Anbetracht der Reichweite, die das neue Gesetz auf die traditionelle Hegejagd haben könnte. Bei anderen hatte sich zuletzt Hoffnung breit gemacht, dass das BJagdG auch grundlegend an den anhaltenden Schalenwildboom angepasst würde – hatte Ministerin Julia Klöckner (CDU) die Bedeutung der Jagd für den Wald zuletzt doch wiederholt betont. Der jetzt vorliegende Entwurf ist allerdings nur ein Schrittchen in Richtung zeitgemäßer Jagd. Es wurde an wenigen Stellen, eher im kosmetischen Bereich, korrigiert. Die wichtigsten Änderungen im Überblick:

 

  • Jagd, bzw. die „Hege“ soll „eine Naturverjüngung des Waldes im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen ermöglichen.“
  • Jagdausbildung: Künftig müssen Jagdschüler mindestens 130 Stunden Ausbildung durchlaufen. Die Inhalte der Jagdausbildung werden neu definiert und die Themen Wildschäden („Grundsätze der Zusammenarbeit mit den Bewirtschaftern“) und Waldbau („Erfordernisse naturnaher Waldbewirtschaftung und Naturverjüngung“) stärker gewichtet.
  • Büchsenmunition: Es kommt kein Bleiverbot, sondern ein Minimierungsgebot.
  • Nachtzielgeräte werden für die Jagd auf Schwarzwild erlaubt.
  • Tellereisen und Fangeinrichtungen, in denen Greife gefangen werden könnten, werden verboten.
  • An Grünbrücken darf im Umkreis von 250 Metern nicht gejagt werden außer an wenigen Stunden bei Bewegungsjagden.
  • Abschusspläne: Behördliche Abschusspläne für Rehwild entfallen. Jäger und Verpächter bzw. Eigentümer müssen aber Mindestabschusspläne vereinbaren (längstens für drei Jahre). Kommt eine Vereinbarung nicht zustande, schreibt die Behörde den Mindestabschuss vor, ggf. unter Berücksichtigung des forstlichen Verbissgutachtens.

 

Alle genannten Änderungen des Jagdgesetzes sind nachvollziehbar. Mit Ausnahme des aufwändigst geänderten §18, in dem Büchsenmunition mit Bleianteilen legal bleiben, obwohl in der Praxis seit Jahren hervorragende bleifreie Geschosse verwendet werden. Dass Tellereisen und Fangenrichtungen für Greife erst im Jahr 2020 verboten werden, zeigt, wie veraltet das Gesetz in weiten Teilen (immer noch) ist.

 

Die vehemente Forderung von Waldbesitzern, Ökologen und Förstern, das Gesetz „waldfreundlicher“ zu gestalten, wurde nur ansatzweise berücksichtigt. Zwar ist nun endlich festgelegt worden, dass in den Revieren grundsätzlich das Aufkommen von Naturverjüngung ohne Zaun funktionieren muss. Doch wirklich praktisch wird das Gesetz nur in dem Punkt der Abschusspläne für Rehe. Eigenjagdbesitzern und Verpächtern ist es nun möglich, ihre eigenen Vorstellungen vom Rehwildabschuss in ihren Revieren vorzugeben.

Mit den „Hochwild“- Arten befasst sich der Entwurf erst gar nicht. Als wären nicht gerade die meisten Rot-, Sika- und Damwildregionen waldbauliche Krisengebiete, in denen kein naturnaher Waldbau ohne Zaun möglich ist.  

 

Positiv ist die Erweiterung der Jungjägerausbildung um die Lehrinhalte „Zusammenarbeit mit den Bewirtschaftern“, „naturnaher Waldbau und Naturverjüngung“ zu bewerten. Denn es ist erschreckend, über wie wenig Artenkenntnisse viele Jungjäger verfügen. Und Wildschäden im Wald, wie selektiver Verbiss und Entmischung, werden bis heute von kaum einem (Jung-)Jäger erkannt.     

 

Die Erlaubnis, Nachtzieltechnik auf Schwarzwild zu verwenden ist überfällig, wird aber die Wildschweinbestände nicht reduzieren. Hierzu fehlt der Wille in vielen Revieren, in denen Wildschäden keine Rolle spielen oder von solventen Jagdpächtern – quasi als Wildfutter – aus der Portokasse bezahlt werden.

 

Obwohl die Jagd vor den größten Herausforderungen seit Jahrzehnten steht, wurde die Gelegenheit einer Reform verspielt, obwohl der hauseigene „Wissenschaftliche Beirat Waldpolitik“ dem Ministerium eine „grundlegende Neuausrichtung“ der Jagd angeraten hatte. Doch von einer Neuausrichtung kann keine Rede sein. Zum Beispiel wird der Begriff „Hege“ lediglich um die o.g. Naturverjüngung erweitert. Doch Jungjägern wird in der Ausbildung, wie seit Jahrzehnten, weiterhin die „Wildhege“ eingeimpft. Hier lernt der Jungjäger, wie man die Bestände "artgerecht“ bejagt, u.a., um entsprechende Trophäen zu generieren. Wie Reh- oder Hirschbestände wirksam reduziert werden, lernt der Jungjäger i.d.R. nicht.

 

Inhaltlich bleiben im Entwurf etliche Themen unberührt, die dringend einer Anpassung bedürfen, u.a. die Liste der jagdbaren Tierarten, die Jagdpachtdauer, Mindestgröße von Eigenjagden oder die Synchronisation der Jagdzeiten - um nur sehr wenige zu nennen. Darüber hinaus wäre es im Jahr 2020 an der Zeit, die jagdlichen Paradigmen des vergangenen Jahrhunderts zu bereinigen und Begriffe wie Hege, Hochwild, Jagdschutz, Weidgerechtigkeit oder Wildbewirtschaftung neu zu definieren. Stattdessen wird die Jagd immer noch damit begründet, dass „Störungen des biologischen Gleichgewichts“ ausgeglichen werden sollen und verharrt somit in der wissenschaftlichen Steinzeit.     

 

Die äußerst zaghafte Novellierung macht klar, dass nachfolgende Regierungen in absehbarer Zeit das Gesetz erneut ändern müssen. Dann vielleicht endlich mit mutigen Entscheidungsträgern, die das Bundesjagdgesetz fit für die Zukunft machen. Bis dahin bleibt es den Reviereigentümern überlassen, ihre Reviere von aufgeschlossenen Jägern zielorientiert bejagen zu lassen, wie es heute schon mancherorts praktiziert wird. Zum Glück steht eine junge, engagierte Jägergeneration in den Startlöchern, die abseits überholter Traditionen bereit ist, die enormen Herausforderungen der Jagd anzugehen. Bislang hinkt das Bundesjagdgesetz mit seinem „Reförmchen“ noch weit hinterher.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die absurde behördliche Abschussplanung für Rehe entfällt, wie in NRW bereits 2015, nun bundesweit.

Auch die Abschussplanung des immer noch so genannten „Hochwilds“ gehört dringend auf den Prüfstand, was im Entwurf aber nicht thematisiert wird.

Kolumne vom 1.6.20

Deutungshoheit über Jagd kippt

 

Die Jagd wandelt sich rasanter als je zuvor. In den letzten Jahren sehen sich Jäger/innen dramatisch eingebrochener Niederwildbesätze und gleichzeitig immer weiter ansteigender Schalenwildbestände gegenüber. Zeitgleich wurde die „Jagdtechnik“, wie Nachtsicht und Meldesysteme, extrem verbessert und die junge Jägergeneration zeichnet, auch via Influencern, ein ganz frisches Bild der Jagd. Und emanzipiert sich von „Jagdherren“ und der boulevardesken Jagdpresse. Außerdem wächst das gesellschaftliche Bewusstsein für Tierschutzbelange weiter. Dadurch „verschieben sich althergebrachte Positionen zur Frage, wie Jagd durchzuführen sei“ (WBW 2020). Bewahrer der Jagd, „wie wir sie von unseren Altvorderen gelernt haben“ und Reformer liefern sich derzeit eine heftige Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über die Jagd in Deutschland.

 

Jagd, also das Aufsuchen, Nachstellen und Töten von Wildtieren, wird weltweit und völlig unterschiedlich betrieben. In Afrika werden Antilopen so lange durch die Wüste gehetzt, bis sie entkräftet getötet werden können, Inuit jagen Robben vom Schneemobil aus und im Regenwald Ureinwohner Affen mit Giftpfeilen. Tierschutz spielt in manchen Ländern, in denen die Lebensmittelbeschaffung als Motivation der Jagd noch im Mittelpunkt steht, oft eine untergeordnete Rolle. In Deutschland hat sich die Jagd, ausgehend vom Reichsjagdgesetz von 1934, zur Hegejagd entwickelt, die ein Dutzend jagdbare Wildtierarten (von über 45.000 Tierarten) in den Mittelpunkt einer züchterischen und produktionsorientierten Wildbewirtschaftung gestellt hat. Aus Sicht der 1930-er Jahre vielleicht nachvollziehbar, da die Wilddichte teils extrem viel geringer war als heute und Rothirsch und Wildschwein durch Schutz und Hege gefördert werden sollten.

 

Heute aber gibt es bei uns mehr Hirsche, Rehe und Wildschweine denn je. Das Schalenwild kommt in derart hohen Dichten vor, dass landauf, landab erhebliche Probleme verursacht werden. In Land- und Forstwirtschaft, aber auch in der Natur: Rehe und Hirsche verhindern derzeit die natürliche Regeneration unserer kranken Wälder und unterbinden somit die derzeit wichtige Resilienz (Regenerationsfähigkeit) intakter Ökosysteme – und das (fast) flächendeckend in Deutschland! 

Nun soll das Bundesjagdgesetz, gemäß des Koalitionsvertrages von CDU/CSU und SPD, geändert werden. Es geht um Büchsenmunition, Schießnachweis und Jungjägerausbildung. Aber auch um das Thema Wald und Wild, wie Ministerin Julia Klöckner (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, BMEL) in ihrem Eckpunktepapier auf dem Waldgipfel im Herbst 2019 angekündigt hat. Die teils katastrophalen Wildschäden in den Wäldern sind in den letzten Jahren klar erfasst und beschrieben worden und können von den Jagdverbänden nicht mehr weggeredet werden. Dadurch ist der Druck der Wald-, Umwelt- und Forstverbände so stark geworden, dass offensichtlich ein Kipppunkt zugunsten der Waldvertreter erreicht wurde. Der „Wissenschaftliche Beirat Waldpolitik“ des BMEL hat dem Ministerium in seiner Stellungnahme zur Nationalen Waldstrategie 2050 bereits einen jagdlichen Paradigmenwechsel („grundlegende Neuausrichtung“) angeraten und empfiehlt der Ministerin – zugunsten einer waldfreundlichen Jagd - die komplette „Entrümpelung“ des aktuellen BJagdG und die Beendigung von Hegejagd und Wildbewirtschaftung.

 

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Einer Stellungnahme vom Deutschem Jagdverband (DJV), Wildtierstiftung und Berufsjägern (BDB) folgte ein „Brandbrief gegen jagdfeindliche Bemühungen“ (JAEGERMAGAZIN online 7.5.2020). Reflexhaft wurden von wütenden Jägern altbekannte Parolen auf Stammtischniveau durchs Netz gebrüllt („Schalenwild ohne Lebensrecht. Ein wildfeindliches Bundesjagdgesetz.“ etc.), und die Gräben weiter vertieft. Inhaltlich bieten die Verbände nichts an, außer die seit Jahrzehnten propagierten Lösungsvorschläge: Da es eh nur lokale Probleme gäbe, könnten diese eigenverantwortlich von den Jägern vor Ort gelöst werden. Dass dies seit Jahren nicht funktioniert, zeigen Wildschäden und Streckenstatistik mehr als deutlich und im ganzen Land. Und dass die Idee mit der Freiwilligkeit und Eigenverantwortung überall dort nicht funktioniert, wo monetäre Interessen mit Tier- oder Naturschutz kollidieren (vgl. Heute 2018: „Der große Reibach“; s. links), sieht man eindrucksvoll in der ausgeräumten, bald insekten- und niederwildlosen Agrarlandschaft oder aktuell in der Fleischverarbeitung der Massentierhaltung.  

 

Dass die Deutungshoheit über die Jagd zugunsten derjenigen gekippt ist, die den Zustand von Wäldern und Feldern vor die Interessen weniger Jagdpächter stellen, lässt sich daran erkennen, dass es eben nicht nur „grüne Ideologen“ sind, die einen Paradigmenwechsel in der Jagdpolitik fordern. Es ist das CDU geführte BMEL unter Führung von Julia Klöckner, die das Ziel Naturverjüngung im BJagdG festschreiben, Abschusspläne für Rehwild abschaffen und Kontrollmöglichkeiten durch Jagd- und Forstbehörden erweitern will (laut wildundhund.de 19.5.2020). Nur zur Erinnerung: Es war auch eine CDU-Kanzlerin, die am Ende das grüne Flaggschiff Energiewende enterte und die AKW’s abschalten ließ, nachdem Fukushima den Kipppunkt endgültig in die „grüne Richtung“ hatte schlagen lassen.

 

Mittlerweile sind sich alle an der Diskussion beteiligten Verbände und Institutionen, von Landwirtschaft und Forst über Naturschutz bis zu den Jagdverbänden darin einig, dass die Jagd eine entscheidende Rolle bei Wildschadenverhütung und Seuchenprävention spielt. Und inmitten der fortschreitenden Diskussionen darüber, wie die Jagd der Zukunft aussehen soll (z.B. so wie es wenige Beispielbetriebe seit Jahren vormachen), möchten DJV und Berufsjäger die deutsche Jagd zum UNESCO-Weltkulturerbe erklären lassen! Die Botschaft ist deutlich: Die deutsche Jagd ist die beste der Welt und soll sich nicht ändern. Diese Art der Jagd, nämlich die Hege und Bewirtschaftung von Wildtieren, hat dazu geführt, dass sich der komplette Wald in Deutschland nicht artenreich verjüngen kann. Außerdem ist „die“ deutsche Jagd in den letzten Jahren sehr vielfältig geworden. Junge Jagdblogger, ANW-Förster und jagende Naturschützer zeichnen heute ein ganz anderes Bild der „deutschen Jagd“, als es den Antrag stellenden Verbänden lieb ist.

 

Die „deutsche Jagd“ ist so reformbedürftig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Einige Länder haben, übrigens unabhängig von der Farbe der Regierungskoalitionen, bereits teils fortschrittliche neue Landesjagdgesetze erlassen. Die Jagd steht vor grundlegenden Umwälzungen, ob die Verbände wollen oder nicht, denn die angeblichen Partner des ländlichen Raums spielen immer weniger mit. Die Forstwirtschaft schon lange nicht mehr und auch die Landwirtschaft fordert verstärkt Lösungen der Schwarzwildproblematik ein. In der Wagenburg wird es einsam, auch weil sich die junge Jägergeneration zunehmend von der Traditionsjagd abwendet. Und der gesellschaftliche Druck wird mit der Waldkrise und den hohen Wildbeständen weiter anwachsen.    

 

Wer in so dynamischen Zeiten wie diesen heute immer noch meint, alles könne bleiben wie es ist, ist sehenden Auges ins Abseits gelaufen. Und muss damit rechnen, dass man am Ende abgehängt und die Zeitenwende von anderen gestaltet wird.

Quo vadis Jagd?

Kolumne vom 1.4.20

Jagd trotzt Corona

 

Man möchte es kaum noch ansprechen, geschweige denn zum Thema der ersten JAGD-HEUTE- Kolumne machen, doch die Coronakrise wirft ihre langen Schatten auch auf die Jagd. Zwar fällt diese unselige Zeit der Kontaktverbote glücklicherweise nicht in die Treib- und Drückjagdsaison. Doch drohende Ausgangssperren könnten theoretisch jedwede Jagd unmöglich machen. Um dieses gerade für viele Männer kaum vorstellbare Horrorszenario zu verhindern, hat der Deutsche Jagdverband – gewohnt breitbrüstig - die Jagd in einer Pressemitteilung kurzerhand zur „systemrelevanten Daseinsvorsorge“ für die Landwirtschaft erkoren! Was für ein Ritterschlag! Denn damit werden die Jäger auf ein Schild gehoben, das sie mit den wichtigsten, weil tragenden Säulen der Gesellschaft, den Ärzten, Pflegern, Politikern und Polizisten, teilen. Damit macht sich die Jagd mal eben so „systemrelevant“ und unverzichtbar wie die ärztliche oder die Grundversorgung. Der Deutsche Jagdverband begründet die Forderung nach der exponierten Stellung der Jäger/innen übrigens mit

  • dem „Kampf gegen die Ausbreitung der ASP“
  • dem Verhindern „großer Ernteausfälle“
  • der Nutriajagd an Deichen
  • sowie der Notwendigkeit regelmäßiger Nachsuchen nach Wildunfällen.

 

Doch ob hier wirklich Systemrelevanz vorliegt wird sich erst noch zeigen. Denn so wie die aktuelle Gesundheitskrise der Gesellschaft einen harten Charaktertest unterzieht, werden die vollmundigen Begründungen des Jagdverbands für eine unverzichtbare Jagd sich den aktuellen, teils akuten Problemherden stellen und sich messen lassen müssen! Sonst heißt es später „Große Klappe, aber nichts dahinter…“. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL; Julia Klöckner) "betrachtet die damit ausgesprochene Privilegisierung der Jägerschaft gegenüber anderen Teilen der Bevölkerung als hohe Anerkennung, zugleich aber auch als gesellschaftlichen Auftrag für einen konkreten Beitrag, insbesondere zur Sicherung der Ernährungsvorsorge der Bundesrepublik Deutschland".

 

Rückblickend sind die Erfolge der Jagd, wie sie auf überwiegender Fläche in Deutschland ausgeübt wird, überschaubar. Nachdem man jahrzehntelang den Ersatzmann für die ausgestorbenen Bären, Wölfe und Luchse gemimt und vorgegeben hat, die Jäger würden die Wildbestände regulieren, stellt sich seit den 1990-er Jahren immer drastischer heraus, dass die Jäger eben nicht regulieren, geschweige denn reduzieren. Sie jagen stets im kompensatorischen Bereich, was in schweren Zeiten gut und nachhaltig ist (z.B. derzeit bei Hasen), in Zeiten von angezeigten Reduktionsanschüssen aber nicht wirkt. Die Abschüsse verhindern nur, dass die Bestände nicht noch rasanter anwachsen. Leider hat diese Art der Jagd und ihre grundfalsche, oft auch fadenscheinige Begründung zu einem stark ramponierten Image in der Gesellschaft geführt.        

 

Bemerkenswert ist in diesen Tagen auch, dass es plötzlich einen breiten Konsens darüber gibt, dass unsere Hirsche und Rehe stärker bejagt werden müssen, wenn sich die derzeit geschätzt 250.000 Hektar „Kalamitätsflächen“ artenreich wieder bewalden können sollen. Zwar hat der Landesbetrieb Wald und Holz NRW zum großen Teil schon vor den Jägern oder unwilligen Forstbediensteten kapituliert und manche Revierförster legen im Zäunungen im Landeswald an, obwohl der Zaunbau im Rahmen der WIederbewaldung per Betriebsanweisung verboten wurde. Aber selbst Verbände, die eine zielgerichtete, wildschadenorientierte Jagd über Jahrzehnte strikt abgelehnt hatten, stimmten der Schonzeitaufhebung für Böcke und Schmalrehe in NRW zu. Damit ist in der Wald-Wild-Debatte endlich die dritte (und letzte?) Stufe der Auseinandersetzung erreicht: Nachdem die Ökojagd-Szene zunächst belächelt (1970-er und 80-er Jahre) und später vehement bekämpft wurde (Diffamierungen und Denunziation), wird die Dringlichkeit nun, besser spät als nie, zähneknirschend anerkannt. Das Dogma der Hege- und Bewirtschaftungsjagd wankt stärker denn je - und wird bald Vergangenheit sein.    

Der Bau von Zäunen - v. a. zum Schutz der Felder vor Schwarzwild - wird von Jägern in ganz Deutschland betrieben und soll "systemrelevant" sein. Komisch nur,  dass die Anerkennug für eine solch existentiell wichtige Arbeit oft ausbleibt.

Für den naturnahen Wald ist eine zeitgemäße Jagd sogar nachweislich "systemrelevant". Doch viele "traditionelle" Jäger lehnen diese aus Prinzip ab und verhindern damit Wildregulation auf größerer Fläche.


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